Presse
25.11.2006, 00:09 Uhr
Sozialarbeiter schreiben Brandbrief
Neuköllner Jugendamtsmitarbeiter warnen eindringlich vor Behördenpannen wie im Bremer Fall Kevin

Von Joachim Fahrun
Die Sozialarbeiter im Jugendamt Neukölln schlagen Alarm: In einem Brandbrief nach dem Vorbild der Lehrer der Rütli-Schule warnen die Mitarbeiter Bezirksamt und Senat vor eklatanten Mängeln im Schutz von Kindern vor Verwahrlosung, Misshandlung oder Missbrauch.

Die Beschäftigten wollen es nicht so weit kommen lassen wie in Bremen, wo der zweijährige Kevin getötet wurde, obwohl das Jugendamt die problematischen Familienverhältnisse kannte und das Kind unter Obhut der Behörde stand.

"Angesichts unserer zunehmend schwieriger werdenden Arbeitssituation müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir den Kinder- und Jugendschutz in den uns heute schon bekannten und uns zukünftig bekannt werdenden Fällen unserer Zuständigkeitsbereichs nicht mehr garantieren können", heißt es in dem Schreiben, das mit 70 Mitarbeitern fast alle sogenannten "fallzuständigen Sozialarbeiter" des Bezirks unterschrieben haben.


Verarmung erhöht das Risiko für Kinder
Die Sozialarbeiter warnen vor einer steigenden Zahl überforderter oder ignoranter Eltern, die ihren Kindern Schaden zufügen könnten. "Kindswohlgefährdungen" hätten "an Qualität und Brisanz" zugenommen, schreiben die Experten von der Basis. Die Verarmung immer breiterer Teile der Bevölkerung erhöhe das Risiko für Kinder, von ihren Eltern nicht mehr ausreichend versorgt und wahrgenommen zu werden. "Diese Kinder drohen äußerlich und emotional zu verwahrlosen, oder gar von den eigenen Eltern als Objekt von Impulsabfuhr benutzt und misshandelt oder sexuell missbraucht zu werden", warnen die Sozialarbeiter.

Steigende Fallzahlen stehen weniger Mitarbeitern gegenüber. Die Notlage im Jugendamt habe sich verschärft, weil freiwerdende Stellen nicht neu besetzt werden, der Bezirk seinen Kinderpflegedienst abgeschafft und im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst Stellen abgebaut habe. Außerdem belasten steigender Verwaltungsaufwand und neue Steuerungsinstrumente die Kollegen. "Wir sehen uns einer fortgesetzten Überlastung durch den Arbeitsdruck ausgesetzt gepaart mit der Angst, in unserem Zuständigkeitsbereich könnten sich dramatische Misshandlungsfälle - bis zum Tod eines Kinder - ereignen, die sich ankündigten und deren Warnsignale wir nicht haben wahrnehmen können", legen die Unterzeichner ihre Seelenpein offen.

In jüngster Zeit ist Neukölln verschont geblieben. Der Fall des inzwischen verstorbenen Babys etwa, das eine 22-jährige Mutter unter ein parkendes Auto gelegt haben soll, trug sich im benachbarten Stadtteil Treptow zu.

Aber auch Neukölln erlebte in diesem Jahr immer wieder grausame Fälle von Kindesmisshandlung. Im März wurde ein 19-Jähriger festgenommen, der seine drei Monate alte Tochter schwer am Kopf verletzt hatte. Im August misshandelte der Babysitter einer allein erziehenden Frau einen Zweijährigen schwer. Auch Klienten des Jugendamtes sind aufgefallen. Im Juni wurde die 25-jährige Mutter des vierjährigen Joachim festgenommen, nachdem der Junge mit Zeichen massiver Misshandlung in schwerer Atemnot aus einer Wohnung voller Kot gerettet worden war. Die Frau hatte die Behörde zuvor um Hilfe gebeten, aber die Verabredungen dann nicht eingehalten. Zeit und Möglichkeiten zu reagieren, hatten die Mitarbeiter nicht.

Darum schrieben die Kollegen den Brief in der Hoffnung, beim neuen Jugendsenator und der neuen Jugendstadträtin Unterstützung zu finden. Sie debattierten darüber bei der letzten Personalversammlung des Bezirksamtes. Aber Bürgermeister Klaus Buschkowsky (SPD) weigerte sich, das Schreiben wie von den Mitarbeitern verlangt an den neuen Jugendsenator, den inzwischen ernannten Jürgen Zöllner (SPD) weiterzuleiten. Das Jugendamt sei Sache des Bezirks, beschied Buschkowsky. Gestern war der Bürgermeister krankheitsbedingt nicht erreichbar.

"Hier wird versucht, zu beschönigen", meint Personalrat Achim Berger. Solche Briefe würden nicht alle Tage geschrieben, "das muss man ernst nehmen".


CDU-Opposition spricht von "Skandal"
Die CDU-Opposition im Bezirk hält es für einen "Skandal", dass trotz der Erfahrung aus der Rütli-Schule wieder ein Brandbrief von Mitarbeitern in den Behörden gestoppt und den Adressaten im Senat vorenthalten werde. Im März hatten die Lehrer dieser Neuköllner Hauptschule gebeten, ihre Schule wegen der horrenden Gewalt aufzulösen. Ihr Brief an den Bildungssenator war in der bezirklichen Bildungsverwaltung hängen geblieben. "Die Mitarbeiter fühlen sich hoffnungslos überfordert", sagte Falko Liecke, Fraktionschef der CDU in der Bezirksverordnetenversammlung, "wie Herr Buschkowsky damit umgeht, ist eine absolute Katastrophe".

Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (Grüne), erst wenige Tage im Amt, sagte, sie verstehe, dass sich die Kollegen angesichts der begrenzten Personalressourcen Sorgen machen: "Das heißt aber nicht, dass in Neukölln beim Kinderschutz Land unter herrscht." Natürlich sei es aber möglich, dass auch Neukölln es irgendwann "mit einem gruseligen Fall" zu tun zu bekommen. Das sei nie auszuschließen. Die Stadträtin teilt die Forderung ihrer Untergebenen, dass der Senat die Möglichkeit freigeben müsse, neue Sozialarbeiter einzustellen, weil das Team überaltert sei. Sie versuche, durch Umorganisation die Mitarbeiter an der Basis zu entlasten.

Unabhängige Experten teilen die Einschätzung, dass gerade in den Kiezen wie Neukölln, wo sich die Problemfälle ballen, mehr für Kinderschutz getan werden muss. "Die Mitarbeiter des Jugendamtes sind an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angekommen", sagte Lotte Knoller vom Kinderschutzzentrum Neukölln. Gerade in Neukölln gebe es viele junge Familien, die dringend betreut werden müssten.

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